Du befindest dich in der Kategorie: Allgemeines
Miezi
Miezi war ein armer Tropf. Fachlich gehörte er zweifelsohne zur Elite. Mit Diagrammen, Analysen und Zahlen jonglierte er in schwindelerregenden Höhen und mit einer Routine, die Beachtung fand. Seine Vorträge schossen stets weit über das Ziel hinaus, seine Chefs waren sehr zufrieden mit ihm. Dennoch - und diese Erkenntnis tat weh - war er ein Trottel. Nicht die Art von Trottel, die bei Regen den Schirm vergisst, die das Autoradio geklaut bekommt oder die wichtige Unterlagen verschlampte. Nein, nein. Seine Welt war soweit in Ordnung. Er war akkurat, zuverlässig, gebildet und hatte was drauf. Aber er war ein Trottel. Denn menschlich - und das war die eigentliche Tragödie seines kümmerlichen Daseins - war er ein Totalschaden. Man konnte ihn nicht ernst nehmen. Wer hört schon auf einen der Miezi heißt? Miezi, damit lockt man Katzen an. "Miez, miez, miez. Komm her. Miezi, Miez." So einem vertraute man sich doch nicht an. So einen lud man nicht spontan zum Kegeln ein. Und vor allem mied man Gespräche mit so einem. Vor allem wenn sie über das fachliche hinaus gingen. Miezi war sich dieser Situation nicht bewusst. Klar war ihm klar, dass er mehr drauf hatte als die anderen. Und es gefiel ihm, dass sie seine Hilfe suchten, standen sie vor schier unlösbaren Problemen. Dann konnte er wieder seine durchdachten Ansätze aus dem Ärmel schütteln. Doch dass diese Menschen Heuchler waren, weil sie ihn nur kontaktierten, wenn sie ihn brauchten, dass fiel Miezi nicht auf. Er war eben ein Trottel. Konnte man den anderen aus der Abteilung überhautp einen Vorwurf machen? Miezi redete komisch, war - mit Verlaub - potthässlich und versprühte den spröden Charme einer Einbauküche. Nein, ein Player war er gewiss nicht. Auch kein Partyhengst und erst recht kein Frauentyp. Er war nocht nicht einmal Fußballfan oder halbwegs trinkfest, was ihn wenigstens bei den Männern beliebt gemacht hätte. Er war eben ein Trottel. So ein richtiger. So einer der immer noch über Merkels Frisur lachte und so einer der immer noch dachte, dass er den Bogen raus habe. Er war so einer, der dachte, dass der Konsum von mehr als sieben Bier am Freitag-Abend ein Ereignis war, mit dem er beeindrucken könne. Er war so einer, der sich immer noch daran festklammerte, dass die Klassenschönste aus der Neunten damals einmal mit ihm im Kino war. Er war eben ein Trottel. Das wäre wohl noch Jahre so weitergegangen. Doch eines Tages wurde er befördert. Kurz darauf zog er für die Firma drei wichtige Projekte an Land. Dank seiner berufliche Fähigkeiten stürzte er die Karriereleiter im Eiltempo hinauf. Schließlich, er war noch keine dreißig, war er bereits Vorstandsmitglied, Einkommensmillionär, Porschefahrer. Von da an hatte er keine Probleme mehr damit ein Trottel zu sein. Er hatte plötzlich Freunde, die das Wochenende mit ihm verbrachten und er hatte heftigen Sex mit der Klassenschönsten aus der Neunten. Die Mitarbeiter seiner ehemaligen Abteilung krochen ihm in den Hintern und als sie fast alle einen besseren Posten bekamen, waren sie sich einig. "Miezi ist ein feiner Kerl, der vergisst seine Wurzeln eben nicht." Leider merkte er auch nicht, dass er immer noch derselbe Trottel war, und dass er immer noch auf die Heuchler hereinfiel. Aber nun hatte er wenigstens genug Geld und Macht, um auch als Trottel beliebt zu sein
Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.