Montag, 07. November 2005

Miezi

Von davebetz, 13:21

Miezi war ein armer Tropf. Fachlich gehörte er zweifelsohne zur Elite. Mit Diagrammen, Analysen und Zahlen jonglierte er in schwindelerregenden Höhen und mit einer Routine, die Beachtung fand. Seine Vorträge schossen stets weit über das Ziel hinaus, seine Chefs waren sehr zufrieden mit ihm. Dennoch - und diese Erkenntnis tat weh - war er ein Trottel. Nicht die Art von Trottel, die bei Regen den Schirm vergisst, die das Autoradio geklaut bekommt oder die wichtige Unterlagen verschlampte. Nein, nein. Seine Welt war soweit in Ordnung. Er war akkurat, zuverlässig, gebildet und hatte was drauf. Aber er war ein Trottel. Denn menschlich - und das war die eigentliche Tragödie seines kümmerlichen Daseins - war er ein Totalschaden. Man konnte ihn nicht ernst nehmen. Wer hört schon auf einen der Miezi heißt? Miezi, damit lockt man Katzen an. "Miez, miez, miez. Komm her. Miezi, Miez." So einem vertraute man sich doch nicht an. So einen lud man nicht spontan zum Kegeln ein. Und vor allem mied man Gespräche mit so einem. Vor allem wenn sie über das fachliche hinaus gingen. Miezi war sich dieser Situation nicht bewusst. Klar war ihm klar, dass er mehr drauf hatte als die anderen. Und es gefiel ihm, dass sie seine Hilfe suchten, standen sie vor schier unlösbaren Problemen. Dann konnte er wieder seine durchdachten Ansätze aus dem Ärmel schütteln. Doch dass diese Menschen Heuchler waren, weil sie ihn nur kontaktierten, wenn sie ihn brauchten, dass fiel Miezi nicht auf. Er war eben ein Trottel. Konnte man den anderen aus der Abteilung überhautp einen Vorwurf machen? Miezi redete komisch, war - mit Verlaub - potthässlich und versprühte den spröden Charme einer Einbauküche. Nein, ein Player war er gewiss nicht. Auch kein Partyhengst und erst recht kein Frauentyp. Er war nocht nicht einmal Fußballfan oder halbwegs trinkfest, was ihn wenigstens bei den Männern beliebt gemacht hätte. Er war eben ein Trottel. So ein richtiger. So einer der immer noch über Merkels Frisur lachte und so einer der immer noch dachte, dass er den Bogen raus habe. Er war so einer, der dachte, dass der Konsum von mehr als sieben Bier am Freitag-Abend ein Ereignis war, mit dem er beeindrucken könne. Er war so einer, der sich immer noch daran festklammerte, dass die Klassenschönste aus der Neunten damals einmal mit ihm im Kino war. Er war eben ein Trottel. Das wäre wohl noch Jahre so weitergegangen. Doch eines Tages wurde er befördert. Kurz darauf zog er für die Firma drei wichtige Projekte an Land. Dank seiner berufliche Fähigkeiten stürzte er die Karriereleiter im Eiltempo hinauf. Schließlich, er war noch keine dreißig, war er bereits Vorstandsmitglied, Einkommensmillionär, Porschefahrer. Von da an hatte er keine Probleme mehr damit ein Trottel zu sein. Er hatte plötzlich Freunde, die das Wochenende mit ihm verbrachten und er hatte heftigen Sex mit der Klassenschönsten aus der Neunten. Die Mitarbeiter seiner ehemaligen Abteilung krochen ihm in den Hintern und als sie fast alle einen besseren Posten bekamen, waren sie sich einig. "Miezi ist ein feiner Kerl, der vergisst seine Wurzeln eben nicht." Leider merkte er auch nicht, dass er immer noch derselbe Trottel war, und dass er immer noch auf die Heuchler hereinfiel. Aber nun hatte er wenigstens genug Geld und Macht, um auch als Trottel beliebt zu sein

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Der Tag an dem die Provinz geschlossen wurde

Von davebetz, 09:23

Berlin. Wie die Bundesregierung soeben mitgeteilt hat, wird die Provinz als solche bis auf weiteres geschlossen. Alle Bewohner der Provinz müssen mit Zwangsarbeit und Folter rechnen . . . Eine Meldung wie ein Paukenschlag. Walter wusste zunächst gar nicht was er tun sollte. Irgendwie musste er den Provinzmief von sich abstreifen. Doch das war gar nicht so einfach. In seinem Friesennerz, den gelben Gummistiefeln und den grünen Latzhosen sah er wie ein lebendes Klischee aus. Sein zu diesem Zeitpunkt ungemein ratloser Gesichtsausdruck tat das übrige. Und zu allem Unglück fing es auch noch an zu regnen. Walter legte die Zeitung bei Seite. Langsam erhob er sich von der grünen Couch, die mit massiven Eicheholzlehnen und Füßen ausgestattet war. Dann fiel sein Blick auf den röhrenden Hirsch auf dem Bild über dem Fernseher. Oh je! Er musste sich tarnen und zwar schnell. Er rannte zum Bahnhofsviertel der kleinen Stadt. "Kokain, ich brauche Kokain", dachte er immerfort. Nur so konnte er glaubwürdig einen Stadtmenschen, einen weltoffenen Kosmopolit, kurz diese Art von Spinner die man hier auf dem Land so hasste, verkörpern. Doch zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass im Bahnhofsviertel keine Drogendealer anzutreffen waren. Zumindest nicht mittags um zwölf. "Mist, diese Fernsehkrimis werden auch immer unrealistischer", schimpfte Walter in Gedanken. Er beschloss mit dem Zug in die nächstgrößere Stadt zu fahren. Hamburg war sein Ziel. Am Schalter bestellte er bestimmt und großstädtische eine Fahrkarte. In Hamburg angekommen fuhr er mit der Straßenbahn nach St. Pauli. Dort hatte er mehr Glück. Schon nach wenigen Metern wurde er gefragt "Brauchst du?". Und wie er brauchte, keiner mehr als er. Er musste unbedingt eine Nase voll nehmen, bevor die Regierungsbeamten herausfinden würden, dass er einen alten Dieselbenz fuhr. Ja als koksnäsiger Werbemanager da konnte er dann behaupten, dass sei der neue Style und total Retro. Also schnell her mit dem Zeug. Wieder am Provinzbahnhof und um einiges ärmer angekommen schlich er sich nach Hause. Hoffentlich sah ihn keiner, er hatte ja immer noch sein Postkarten-Outfit an. Daheim kleidete er sich so schrill und unkonventionell wie möglich. Jeans, gelbes Hemd, rotes Sakko und zwei unterschiedlich farbene Socken gaben ihm das Gefühl, nicht mehr ganz so provinziell daher zu kommen. Und wenn die Beamten nach seiner spießigen Wohnumgebung fragen würden, dann würde er einfach sagen, dass er als Creative Head einfach ein dröge Umwelt bräuchte, da ihm ansonsten, auch vom vielen Kokain- ja das würde er besonders betonen- der Kopf platzen würde. Ja, das würden sie schon schlucken, denn so einen Stuss erzählten die Städter betsimmt den ganzen Tag. Es schüttelte ihn. Was, wenn er wirklich so werden würde? Ein dem Geld nachhechelnder Wichser, der Porsche und Kaviar für den einzigen Grund hält zu leben. Er schüttelte sich wieder. Es klingelte. "Sie kommen", entfuhr es ihm. Er nahm eine Prise Kokain und schnupfte sie. Uh wie das kribbelte. "Hoffentlich war das nicht zuviel", dachte er, hatte aber keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Als er zur Tür kam stand seine Nachbarin vor ihm. Sie wolte eigentlich nach zwei Tassen Zucker für den Sonntagskuchen fragen, doch Walter machte ihr Angst. Sie ging wieder. Nach einer Stunde begann das Kokain zu wirken. Walter wurde hibbelig und aufgredreht. Plötzlich verschwamm allles..... Als Walter wieder zu sich kam lag er nackt im Hühnerstall. Er wusste es noch nicht, aber er würde in die Geschichte des Dorfes eingehen. Und zwar als der Mann, der am ersten April den schlechten Scherz der Lokalzeitung nicht verstande und im Kokainrausch seine 12 Hühner und einen Hahn zu Tode gepimpert hatte.

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Deutsche Rentner oder Der Kaputtmacher

Von davebetz, 09:21

Eine Riesenscheiße ist das. Wenn ich noch könnte wie ich wollte. Die Herren da oben, die meinen wohl sie hätten die Weisheit gepachtet. Früher war das so aber nicht. Ich zieh dir gleich die Ohren lang. Aber Hallo. Die Politiker die machen sich ja doch nur selbst die Taschen voll. Fünf Euro das waren mal zehn Mark, zehn Mark ! So schlecht war der Adolf auch wieder nicht. Samstags wird die Straße gekehrt. Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet. Jungs weinen nicht. Ich fahre Opel, Farbe grau, Automatik. Der Schwarzwald ist genauso schön wie Spanien. Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ein bisschen anpassen muss man sich schon. Ein gutes Pils braucht sieben Minuten. Heidewitzka Herr Kapitän. Wir brauchten damals keine Computer. Nicht so laut, was sollen sonst die Leute denken. Studentenpack, alles langhaarige Bombenleger. Die spritzen sich doch Haschgift. Der Stoiber der haut wenigstens mal auf den Tisch. Immer nur dieses Bumm Bumm, dabei gibts so schöne Volkslieder. Tu mir mal noch 'nen Korn. Immer nur McDonalds fressen, kein Wunder dass die Jugend immer blöder wird. Sieht nach Regen aus. Aber beim nächsten mal da sag ich dem meine Meinung. Ich bin Hausbesitzer. Meine Hämorhiden bringen mich noch um. Um zwölf Uhr gibt es Essen. Mit dieser Jugend werden wir auch keinen Krieg gewinnen. Klopapier is auch schon wieder alle. Ich schufte den ganzen Tag, dass wir was zu fressen haben und die Alte sitzt faul rum. Der Schwarzenbeck das war ein Fußballer. Ach wenn ich den Gottschalk schon sehe. In der Bildzeitung hat gestanden, dass 2037 die Welt untergeht. Helga ich glaub mit meinem Herz ist was nicht in Ordnung. Helga! Helgaa! Ich, Ich hab da so ganz furcht.................

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Freitag, 04. November 2005

Video killed the radio star - zu recht!

Von davebetz, 09:49

7.30 Uhr. Der Wecker geht an. Radiowecker versteht sich. Da ist Musik drin. "Don't cha" von den Pussycat Dolls ertönt. Scheiße! Schon wieder ein Tag im Arsch. Noch bevor er angefangen hat. Und regnen tuts auch noch. Nicht dass das Lied mir besonders missfällt. Nein, nein das ist es nicht. Formatradio heißt das Zauberwort. Ein Zauberwort der schwarzen Magie (Magie immer eine gute Suppe - schlechter Gag ich weiß) wohlgemerkt. Formatradio spielt nur die Lieder, die laut Marktforschern am liebsten gehört werden. Drehen zu viele Leute bei einem Lied den Empfänger ab, ist es weg vom Fenster. Formatradio ist also der kleinste gemeinsame Nenner unseres Geschmacks. Die große Koalition der Musikhörer sozusagen - kein Wunder das da nur Müll rauskommt. Denn wenn diese Gülle die da den ganzen Tag im Radio läuft unser kleinster gemeinsamer Nenner ist, dann heißt das ja auch,dass wir uns nur auf gaaaanz tiefem Niveau einigen können. Dabei kann man den Radiomachern, diesen Chartschergen, nicht mal einen Vorwurf machen. Solange die Werbegelder fließen, scheißen sie unsere Gehörgänge auch weiterhin mit Jeanette Biedermnann, Alexander Klaws und die Firma zu. Doch diese Hot Rotation schlechter bis ganz schlechter Songs hat ja auch eine große sozialpolitische Dimension. Durch die Tantiemen an die "Künslter" (ja, sich derart im Popbuisiness zu prostituieren ist auch eine Kunst), ist die Altersvorsorge der B-Prominenten von morgen gesichert. Und lieber sehe ich Jeanette knapp bekleidet in ihren Musikvideos, als ungeschminkt im Dschungel Maden fressen. Dennoch frage ich mich, warum die Radiomacher auf diese Umfrage-Institute hören. Hat man nicht bei der letzten Bundestagswahl gesehen, dass die total daneben lagen? Vielleicht ist der kleinste gemeinsame Nenner gar nicht Robbie Williams sondern Tocotronic. Nicht auszudenken was los wären, wenn die Analysen gar nicht stimmten. Sind wir am Ende gar diesen Geschmacksnazis auf den Leim gegangen? Wollen die Plattenfirmen vielleicht deshalb nur unteres Mittelmaß verkaufen, damit nicht auffällt, dass die wahren Rock und Popperlen nur spärlich gesät sind? Da bleibt nur eins: Abschalten und die mit Liebe aufgenommen Mix-Casette ins Autoradio schieben. Da weiß ich wenigstens wer für die Scheiße, die da läuft verantwortlich ist.

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